Musikkapelle im April

Eines Tages erhielt ihr Vorsitzender, der „dicke Schuster“, einen Brief der Kreisverwaltung. Man kündigte ihm schriftlich an, daß die Kapelle in absehbarer Zeit eine Musikprüfung in Trier ablegen mußte, wenn sie auch weiterhin Tanzmusik spielen wollten. Der genaue Termin würde ihnen zu einem späteren Zeitpunkt schriftlich bekannt gegeben werden.

Die bevorstehende Prüfung versetzte die Hobbymusiker natürlich in Aufregung. Glücklicherweise stand der Winter vor der Tür und man nahm sich vor die kommende triste Zeit des Jahres mit Üben auszufüllen. Es fanden viele Proben statt, und der dicke Schuster, der innerhalb der Kapelle die Trommel schlug und die Proben leitete, bleute seinen Kameraden immer wieder ein, sie müßten „piano“ spielen, damit die gute Qualität ihrer musikalischen Darbietung besser zu hören sei.

Ende Februar erreichte sie endlich das Schreiben der Kreisverwaltung, in dem ihnen der Prüfungstermin bekanntgegeben wurde. Am ersten April sollten sie vollzählig und pünktlich um 10 Uhr vor der Kreisverwaltung erscheinen und im Hof ein Ständchen spielen. Die Proben gingen jetzt in die heiße Phase und am ersten April schulterten die Musiker frühmorgens ihre Instrumente und machten sich zu Fuß auf den Weg nach Trier.

Sie waren aufgeregt, aber guter Dinge, daß sie die Prüfung bestehen würden.

Sie gingen durch den Longuicher Wald, vorbei am Sauerborr und kamen unweit der Stadt, in Ruwer auf den befestigten Weg nach Trier. Pünktlich erreichten sie die Kreisverwaltung. Man führte sie in den Hof, wo sie ihre Instrumente auspackten, sich positionierten und ihre musikalsiche Kunst zum Besten gaben.

Auf dem Hof und an den Fenstern hatten sich Verwaltungsbeamte zusammengefunden und hörten ihnen zu. Nach den letzten Tönen ließen unsere wackeren Musiker aus Fell ihre Instrumente sinken und ernteten gebührenden Applaus bei ihrem beamteten Publikum. Erleichtert packten sie ihre Instrumente wieder ein und warteten auf das Ausstellen ihrer Prüfungsurkunde. Doch weit gefehlt. Die Beamten der Kreisverwaltung meinten, es gäbe da noch eine Unklarheit und schickten sie zur Bezirksregierung. Dort fand wieder im Hof eine praktische Prüfung statt. Das Spiel begann von Neuem: Instrumente auspacken,

aufstellen, vorspielen. Die tapferen Musiker aus Fell ernteten ein weiteres Mal ihren verdienten Applaus und hofften neuerlich auf das Ausstellen ihrer Urkunde, doch es gab wieder eine verwaltungstechnische Unklarheit, und ihre Odysee ging weiter. Man schickte sie zum nächsten Amt. Dort erging es ihnen nicht anders als an den zwei Stellen zuvor. Instrumente auspacken, aufstellen, spielen, und… wieder zusammenpacken und beim nächsten Amt vorspielen. So ging es den ganzen lieben, langen Tag. Zu guter Letzt kamen sie vor der Bahndirektion an und ließen auch dort ihre Instrumente erklingen. Ungeduldig forderten sie nun die Übergabe îhrer Prüfungsurkunde und wurden mit herzhaftem Gelächter belohnt. „April, April!“ schallte es ihnen entgegen. Ob die geplagten Musiker in das Lachen einstimmten, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall stand am nächsten Tag ein Artikel über die „Musikprüfung im April“ in der Zeitung.